Sneak

Der Kranich

TEIL I

Um Punkt zehn Uhr stand Ralf mit einer großen Brötchentüte vor Lukas’ Tür. Der war zwar verschlafen, doch zu seiner Erleichterung höchst lebendig.

„Du siehst scheiße aus“, war Lukes trockener Kommentar gegenüber seinem unerwarteten Frühstücksgast.

„Vielen Dank. Bekomme ich trotzdem einen Kaffee?“

„Komm rein.“

Wenige Minuten später hielt Lukas Ralf allerdings eine leere Dose unter die Nase. „Sorry, wird wohl doch nichts mit dem Kaffee, ich kam nicht zum Einkaufen.“

Ralf überlegte einen Augenblick. „Wie wär’s mit dem ‚Jenseits‘?“, schlug er vor.

Das „Café Jenseits“ war eine hippe Schwulenkneipe, etwas eng zwar, da sie nur aus einem einzigen kleinen Raum bestand, doch sie servierten dort ein schmackhaftes und preisgünstiges Frühstück. Um diese Zeit war die Chance auf einen Platz noch relativ groß, außerdem befand sich das „Jenseits“ keine fünf Minuten zu Fuß entfernt in der Bebelstraße. Lukas nickte und zog sich an.

Kurz darauf saßen sie an einem runden Bistrotisch, und Ralf versuchte tapfer, sich mit den vegetarischen Aufstrichen anzufreunden, zu denen Lukas ihn überredet hatte. Es musste sein – sein Magen signalisierte unmissverständlich, dass er feste Nahrung benötigte.

Lukas trank schweigend seinen Kaffee. Er schien tief in seine eigene Welt versunken. Eine Welt der Turing-berechenbaren Funktionen, des Lambda-Kalküls und der WHILE-Programme, in die Ralf ihm nur sehr begrenzt folgen konnte. Einen Augenblick erwog Ralf, Lukas von seinem Traum zu erzählen, verwarf den Gedanken jedoch sofort wieder. Er würde mit dem Trinken in nächster Zeit etwas vorsichtiger sein.

„Wie geht’s NORT?“ fragte er stattdessen.

„Status quo. Seltsam – plötzlich scheint sich jeder dafür zu interessieren …“

„Wieso, wer denn noch?“

„Dr. Elvert, Eva … Darth Vader.“

Mit aufgerissenen Augen starrte Ralf seinen Freund an, die Brötchenhälfte fiel ihm aus der Hand. „Darth Vader?“

Lukas grinste. „War nur ein Scherz“, sagte er rasch, doch das klang nicht besonders überzeugend.

Ralf dachte an Lukes Andeutung vom vergangenen Abend, dass er sich verfolgt fühlte, und seine Besorgnis verstärkte sich deutlich. Er überlegte, was er ihm Aufmunterndes oder Tröstendes sagen konnte, doch es fiel ihm nichts ein. Aber vielleicht ging es ja auch um etwas ganz anderes. „Ich glaube, dass es um mehr geht, als nur um die Funktionsfähigkeit deines Quines.“

„Ach ja?“

„Du hast doch nicht im Ernst gedacht, dass ich die Bedeutung von NORT nicht kenne?“

Lukas schwieg.

Ralf versuchte, ihn aus der Reserve zu locken. „Es ist ein Anagramm, richtig? Ein Anagramm aus den Buchstaben T, R, O und N. Tron. Meinst du nicht, dass es langsam an der Zeit ist, die Toten ruhen zu lassen?“

„Kein Anagramm. Nur ein NUXI-Problem.“

Kurz musste Ralf gegen seinen Willen lachen. „Du hast dir ein Endianess-Bug geleistet? Macht dich ja richtig menschlich!“

„Ich werde wohl alt.“

„Sieht ganz so aus. Trotzdem …“

„Nicht, bevor die Wahrheit gefunden ist.“

„Welche Wahrheit? Deine? Du rennst einem Hirngespinst hinterher, Luke, genauso wie Hagbard Celine damals den Illuminaten. Es hat sie nie wirklich gegeben, sie waren eine reine Drogenphantasie!“

Tatsächlich kam Ralf langsam zu der Überzeugung, dass es sich mit dem Programm genauso verhielt, doch zu dieser Einsicht musste sein Freund allein gelangen. Jeden, der ihm das Aufgeben nahegelegt hätte, sei es in Bezug auf die ungeklärten Tode von Karl Koch und Boris F., sei es in Bezug auf NORT, hätte er mit einem Fußtritt vor die Tür befördert.

Da Lukas sich für andere Themen offensichtlich nicht mehr interessierte, versprach es ein stilles Frühstück zu werden. Schweigend kaute Ralf an seinem Brötchen. Plötzlich hatte er jedoch eine Idee.

„Okay. Warum gehen wir’s nicht mal von der anderen Seite her an.“

Lukas nahm die Nase aus der Kaffeetasse.

„Dein Quine ist nicht funktionsfähig, und du weißt nicht, ob und wann du das Problem lösen kannst. Also überspringen wir’s doch einfach mal für einen Moment.“

„Und dann?“

„Tun wir so, als wäre es gelöst.“

„Heißt?“

„Das heißt, du hast gerade den revolutionärsten Algorithmus der Menschheitsgeschichte geschrieben. Okay. Was jetzt?“

Langsam schien Lukas aus seiner Lethargie zu erwachen und seine Umgebung wahrzunehmen. Ein Erfolg! Um viel mehr ging es Ralf bei dem Gedankenspiel auch nicht.

„Na ja, jetzt muss man sich überlegen, was man damit anfängt. Natürlich darf es nicht in die falschen Hände gelangen.“

„Aber du wirst es ganz sicher auch nicht in der Schublade liegen lassen. Was, denkst du, ist es wert?“

„Du weißt genau, dass ich nicht in diesen Kategorien denke.“

„Klar. Aber ich. Ich bin jetzt dein CFO, und ich möchte cash sehen.“

Lukas lachte. „Copyright ist zwar bekanntlich Aberglaube, trotzdem sollten die Rechte wenigstens vordergründig gesichert sein. Und dann … tja, wir werden einen Käufer brauchen, aber vorher …“

„Ja?“

„Vorher werden wir uns ein paar kritische Gedanken zum Thema ‚Wissenschaft und Verantwortung‘ machen müssen. NORT könnte das Gesicht der Welt verändern wie seinerzeit die Atombombe.“

„Und du wirst als Werner Heisenberg des 21.Jahrhunderts in die Geschichte eingehen. Aber den metaphysischen Aspekt der Angelegenheit stellen wir jetzt mal kurz zurück, okay? Sag mir, wie du den Käufer findest.“

Da es ein Spiel war und vom anfänglichen Halb-Ernst mehr und mehr in eine reine Stand-Up-Comedy abglitt, schien Lukas Spaß an der Sache zu finden und stieg darauf ein. Weder achteten sie dabei auf ihre Umgebung, noch bemühten sie sich, leise zu sprechen. Da der Geräuschpegel um sie herum kontinuierlich anstieg, wäre das ohnehin sinnlos gewesen. Aber das „Jenseits“ war nicht der Ort, an dem man sich beobachtet fühlte – als Hetero schon gar nicht.

„Na gut. Also, ich denke, man sollte einen Köder auswerfen. Auf einer Plattform, die möglichst viele Leute erreicht … am besten Twitter.“

„Was genau meinst du mit ‚Köder auswerfen‘?“

„Na ja, eine kurze Sequenz des Quellcodes. Etwas, das ganz harmlos aussieht, aber das einen Insider sofort elektrisieren würde. Jemanden, der nach so was sucht …“ Lukas legte die Stirn in Falten und dachte einen Moment nach, dann zog er einen Kugelschreiber aus der Tasche und kritzelte ein paar Programmzeilen auf seine Serviette, die er mit dem Hashtag #code abschloss. „So was zum Beispiel.“

Zweifelnd betrachtete Ralf die Zeichenfolge. „Ein Tweet ist das aber nicht – das sind mindestens 500 Zeichen.“

„Ich weiß. Das braucht es schon, um den Core-Algorithmus anzudeuten. Dann eben eine Tweet-Serie. Ist nicht elegant, aber die Anons machen das auch schon mal, wenn’s sein muss.“

„Warum postest du den Code nicht bei Pastebin und twitterst nur den URL?“

„Nein. Die Sequenz muss auf einer massentauglichen Plattform direkt zugänglich sein, nicht verlinkt. Nicht in diesem Fall!“

„Wenn du meinst. Und wer sollte ausgerechnet bei Twitter nach so was suchen, wenn ich fragen darf?“

Für Ralf war es immer noch ein Spiel, doch Lukas wurde plötzlich todernst.

„Das Netz ist voll von Leuten, die nach jeder erdenklichen Information suchen.“

„Na klar, dafür ist das Netz ja da, und deshalb besitzt Google die Lizenz zum Gelddrucken …“

Lukas schüttelte den Kopf. „Das meine ich nicht. Die Informationen, von denen ich spreche, findest du nicht über Suchmaschinen. Sie sind aber überall. Zwischen den Zeilen. Genau wie die Leute, die danach suchen …“

Ralf legte den Rest seines Brötchens auf den Teller zurück und wischte sich die Hände an der Jeans ab. Er hatte plötzlich keinen Hunger mehr. „Luke …“

„Fang jetzt bitte nicht wieder mit deiner Paranoia-Tour an. Oder willst du mir vielleicht Nachhilfeunterricht in virtuellen Reisen geben?“

„Nein, natürlich nicht.“

„Das ist ein Schattenreich, glaub mir. Ich habe Dinge gesehen, von denen träumst du nicht mal.“

„Das mag ja alles sein. Trotzdem klingt das ziemlich verrückt. Glaubst du im Ernst, dass du auf die Art einen Käufer findest?“

„Hast du eine Ahnung! Was denkst du, wie Karl Koch damals den KGB-Agenten aufgetrieben hat?“

„Nicht über Twitter jedenfalls. Soviel ich weiß, sind sie einfach in die sowjetische Botschaft reinspaziert.“

„Der Punkt ist, dass die Jungs den Russen etwas unter die Nase gehalten haben, dem die nicht widerstehen konnten. Wenn ich jemals einen Käufer suchen sollte – was nicht der Fall sein wird –, würde ich es so machen.“

„Meinetwegen. Kontaktaufnahme?“

„Handy. Für den Zweck ist das alte Telefon allemal noch gut genug.“

„Okay. Und der Preis?“

„Eine Million.“

„Dollar?“

„Euro.“