Sneak

Der Kranich

TEIL II: Recovery

In Santa Monica war es zehn Uhr morgens, und die Luft glühte.

Leo Whitehead bezahlte sein Taxi, stieg aus und blinzelte gegen die grellweiße Sonne. Zahlreiche Urlauber, die meisten von ihnen Touristen aus Europa, räkelten sich bereits im weißen Sand, der Pier jedoch war noch nicht überlaufen. Erst allmählich öffneten die Bars, Buden und Fahrgeschäfte ihre Türen fürs Publikum. Muskulöse junge Kerle stellten stolz ihre sonnengebräunten Bodys zur Schau. Business as usual.

Leo hatte keinen Blick dafür. Er zog die Baseballmütze ins Gesicht und setzte die Sonnenbrille auf – eine sehr coole Brille mit kobaltblauen, verspiegelten Gläsern, die ihn ein kleines Vermögen gekostet hatte -, dann schlenderte er über die Holzbohlen.

Der, den er suchte, saß ungefähr auf halbem Weg den Pier hinaus auf einer Holzbank und starrte ins Wasser. Er war leicht zu erkennen. Auf seinem schwarzen T-Shirt stand in großen roten Buchstaben zu lesen: „Life is not fair sometimes … but the root password helps!”

Leo unterdrückte ein Grinsen und nahm neben dem blassen jungen Mann Platz. Für hiesige Verhältnisse war er tatsächlich beunruhigend blass.

„Joke?“ fragte Leo, indem er zur Demonstration seiner Sozialkompetenz die Brille abnahm.

Das Milchgesicht nickte. „Josh. Wir reden uns hier mit Klarnamen an.“

„Okay. Leo.“

„Gab’s Probleme?“

Leo schüttelte den Kopf.

Josh Young ließ den Blick lange und aufmerksam über den Pier wandern. „Du bist nicht verfolgt worden?“

„Ich war vorsichtig.“

„In Ordnung. Dann sollten wir keine Zeit mehr verlieren.“

Das Domizil der südkalifornischen Sektion von Underground lag nur ein paar hundert Meter die Ocean Ave hinauf, etwa auf Höhe des Wilshire Boulevard. Die Adresse konnte sich sehen lassen, aber als Leo seinem schweigenden Begleiter die ausgetretenen Steinstufen hinunter folgte und am Eingang zu dem modrig riechenden Kellerraum über unzählige Kabel stolperte, wunderte er sich dann doch etwas. Das „Büro“ von Santa Monica, das in naher Zukunft der Hauptsitz der bedeutendsten Leaking-Organisation weltweit werden sollte, hatte er sich etwas anders vorgestellt! Er setzte die Sonnenbrille ab und wartete, bis sich seine Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten.

Der Raum war mittelgroß und in keinem gepflegten Zustand. Zudem war er vom Boden bis zur Decke mit elektronischer Infrastruktur vollgestopft, was ihn winzig erscheinen ließ. Hinter den beiden kleinen Fenstern, die sich knapp unterhalb der Zimmerdecke befanden und mit Stofffetzen zugehängt waren, konnte man die Bordsteinkante ahnen.

Josh schloss die Tür hinter Leo und schleuste ihn zwischen Kabelgewirr, Servern und mehreren Split-Klimageräten hindurch zu einer Nische, wo auf improvisierten Holztischen eine ansehnliche Zahl Notebooks aufgebaut war. Es handelte sich um Macs und PCs unterschiedlicher Generationen, die parallel mit Linux, OS X und einem weiteren System liefen, das Leo nicht unmittelbar einzuordnen vermochte.

„Na ja, es ist nicht grade das Hilton, aber für den Anfang gar nicht so übel“, ließ sich Josh fast entschuldigend vernehmen. „Wir haben praktisch das gesamte Geld aus dem ersten Spendenaufkommen in Technik investiert. Die Räumlichkeiten sind im Moment sekundär.“

Leo war vollkommen in den Anblick der Computer vertieft und hätte beinahe vergessen, dass er nicht allein war. Josh zeigte auf einen kräftigen Schwarzen, der mit gerunzelter Stirn an den Kabelverbindungen herumstöpselte.

„Das hier ist Charly, Leo. Er baut grade die Clusterarchitektur auf. Und hier haben wir Ciarán. Er wird sich deine Karte ansehen.“

Leo schüttelte dem vierten Mann im Raum die Hand und spürte, wie sein Mund trocken wurde. Nun war es also soweit. Er stand einer lebenden Legende gegenüber – dem Staatsfeind Nummer eins.

Ciarán McCallum sah nicht aus wie jemand, auf dessen Kopf die CIA inoffiziell eine sechsstellige Summe ausgesetzt hatte. Er sah ein bisschen aus wie Brad Pitt in „The Devil’s Own“. Und er lächelte. Es war ein sympathisches, offenes Lächeln, doch es war auch ein wissendes Lächeln, so, als könne er Gedanken lesen.

„Du musst nicht alles glauben, was du hörst!“

Leo Whitehead versuchte sich daran zu erinnern, was er tatsächlich gehört hatte.

Hartnäckig hielten sich Gerüchte, Ciaráns Vater, Frankie McCallum, sei als Sprengstoffexperte der IRA direkt am Anschlag von Omagh beteiligt gewesen. Kurz nach der Emigration der Familie in die USA war er in Chicago unter ungeklärten Umständen ermordet worden. Ciarán selbst hatte aus der IRA-Vergangenheit seiner Familie nie einen Hehl gemacht, jedoch legte er Wert darauf, dass sie überzeugte Provos waren, und verwahrte sich gegen jegliche Verbindung zur RIRA. Von seinem Vater hatte er mit Sicherheit den ungestümen Freiheitsdrang geerbt und das tiefe Misstrauen gegen jegliche Form von Autorität. Er hatte den Kampf mit seinen Mitteln fortgesetzt und war einer der meistgesuchten Cyberterroristen der Vereinigten Staaten geworden. Seit Jahren war keine noch so gut geschützte Institution vor seinem Zugriff sicher. Sein Spezialgebiet: Kryptographie.

„Setz dich doch.“

Leo fasste in die Innentasche seiner Jacke und legte die kleine, unscheinbare Speicherkarte zwischen die Rechner auf den Tisch. Unwillkürlich breitete sich eine Spannung im Raum aus, die fast mit Händen zu greifen war. Alle Anwesenden ließen sich auf den herumstehenden Hockern nieder. Ciarán blickte auf die Karte, dann sah er Leo direkt in die Augen. Es war ein Blick, vor dem es kein Ausweichen gab.

Leo schluckte.

„Okay.“ Ciaráns Stimme klang ruhig, fast sanft. „Am besten, du erzählst uns die ganze Geschichte jetzt noch mal von Anfang an.“

Und Leo Whitehead erzählte. Von George Caviness, den alle Anwesenden kannten, weil er in den achtziger Jahren mit seinem Softwareunternehmen Titan in Silicon Valley ein Vermögen gemacht hatte, und der wenige Tage zuvor unter mysteriösen Umständen an einem Herzinfarkt gestorben war. So stand es jedenfalls in der Presse zu lesen. Weniger bekannt war die Tatsache, dass Caviness nach seinem medienwirksamen Ausstieg bei Titan Ende der Neunziger und einer kurzen, weniger erfolgreichen politischen Karriere, angesehenes Mitglied im elitären Bohemian Club gewesen war. Er gehörte immerhin zum zweithöchsten Camp der Grovers, zu den Hillbillies. Das war nicht übel, wenn man bedachte, dass das Mandalay-Camp, welches den höchsten Status genoss, praktisch ausschließlich Ex-Präsidenten vorbehalten war. Wie auch immer. Eben jener Caviness hatte also zwei Wochen zuvor Kontakt zur San-Francisco-Sektion von Underground aufgenommen. Das allein wäre schon bemerkenswert genug gewesen, doch die Geschichte, die er anbot, versprach einen Scoop. Er wollte exklusives Material liefern, das sämtliche Hypothesen von Alex Jones in den Schatten stellen würde. Er wollte ein für allemal mit dem Mythos Bohemian Grove aufräumen …

„Moment mal, Moment mal“, unterbrach Ciarán. „So läuft das bei uns nicht. Unsere Quellen sind anonym. Auch für uns. Zu ihrem eigenen Schutz. Warum hat er das Material nicht einfach hochgeladen? Die Technik steht und ist ausgereift.“

„Er hatte Angst um sein Leben“, antwortete Leo. „Er rief von einem Cryptophon aus bei uns an. Er war nicht sicher, ob er es schaffen würde, das Material aus Sonoma County rauszubringen. Er glaubte, die NSA wäre ihm schon auf der Spur.“

Ciarán schüttelte den Kopf. „Das klingt ziemlich wild.“

„Ich würde es auch nicht glauben, wenn er nicht in meinen Armen gestorben wäre.“

Josh riss die Augen auf. „Er ist was?“

Wieder fühlte Leo Ciaráns hypnotischen Blick auf sich ruhen.

„Wie lange arbeitest du schon für Underground-SF, Leo?“

„Traut ihr mir etwa nicht?“

„Darum geht’s nicht.“

Eine unangenehme Pause entstand. Schließlich ließ sich zum ersten Mal Charlie vernehmen. Er hatte eine tiefe Stimme und sprach den typischen Südstaaten-Slang, der für Leo schwer zu verstehen war.

„Ich höre immer nur Bohemian Grove, Alex Jones, Hillbillies … Vielleicht bin ich ja ein hirnverbrannter Fachidiot – aber bei George Caviness hört meine Allgemeinbildung auf. Kann mich bitte mal jemand aufklären?“

Josh ergriff das Wort. „Na, dann wird’s aber verdammt Zeit, dass du mal was über dein Vaterland lernst! Den Bohemian Club gibt es seit gut hundert Jahren. Er ist eine abgeschottete Altherrenriege, hauptsächlich Republikanische Politiker, aber auch Superreiche aus der Wirtschaft und ein paar Künstler. Ist verdammt schwer, da reinzukommen. Frauen sind nicht zugelassen, es gibt auch kaum jüdische oder afroamerikanische Mitglieder.“

„Aha“, kommentierte Charlie mit gerunzelter Stirn. Sein Ton sagte alles.

„Sie treffen sich jedes Jahr im Juli auf einem zehn Quadratkilometer großen Privatgelände oben bei Monte Rio“, fuhr Josh unbeirrt fort. „Dort wohnen sie in sogenannten Camps, die voneinander getrennt und streng hierarchisch gegliedert sind. Status ist bei denen alles.“

„Meine Güte! Und was tun sie dann?“

„Tja, alles was Männer gerne tun, wenn sie reich und unbeobachtet sind. Saufen, Bäume anpinkeln und politische Intrigen spinnen.“

„Das ist jetzt ein Scherz?“

„Absolut nicht. Den Höhepunkt der alljährlichen Sommerveranstaltung bildet die Cremation-of-Care-Zeremonie. Dabei wird in einem okkulten Ritual eine menschengroße Holzpuppe vor einer 14m hohen, steinernen Eulenfigur verbrannt. Die Eule heißt Owl Shrine und ist innen hohl, die Puppe symbolisiert alle Sorgen, die sich das Jahr über angesammelt haben. Sie werden dann feierlich dem Feuer übergeben. Na ja, weil die hohen Herren sich bei ihren elitären Spielchen nicht gerne beobachten lassen, gibt es wenig Informationen und schon gar keine Bilder oder Videoaufzeichnungen von dem Treiben. Handys, Kameras und ähnliches sind auf dem Gelände streng verboten. Außenstehende kommen erst gar nicht rein. Da verwundert es nicht, dass es jede Menge Gerüchte und Spekulationen gibt. Der einzige, der es mal geschafft hat, heimlich Aufnahmen zu machen, war der Verschwörungstheoretiker Alex Jones. Er filmte die Cremation-of-Care 2000 und konstruierte einen Zusammenhang zum Baphomet-Kult. Ihr wisst schon, dieses Wesen mit Ziegenkopf, das die Freimaurer angeblich verehrt haben sollen.“

„Moment mal – war diese ganze Baphomet-Geschichte nicht ein Hoax von Leo Taxil?“ warf Ciarán ein.

„Das stimmt. Aber Verbreitungen dieser Art sind bekanntlich sehr schwer wieder unter Kontrolle zu bekommen. Vor allem wenn sie von bestimmten Interessengruppen bereits instrumentalisiert worden sind. Jedenfalls hält sich seit dem Jones-Video hartnäckig das Gerücht, in Bohemian Grove würden Menschen – vielleicht sogar Kinder – geopfert. Offiziell gilt es jedoch längst als widerlegt.“

„Gab es eine Ermittlung?“

„Charlie! Die politische und wirtschaftliche Elite dieses Landes tummelt sich dort. Die machen was sie wollen und kaufen wen sie wollen. Wer sollte dort Ermittlungen durchführen?“

„Na gut.“ Ciarán griff nach der SD-Card und fixierte sie, als könne er mit bloßem Auge ihren Inhalt entziffern. „Und was genau soll hier jetzt drauf sein?“

Leo seufzte. „Sie haben Caviness getötet, bevor er es mir sagen konnte. Aber was schlimmer ist – bevor er mir den Schlüssel geben konnte. Ich kam … nur ein paar Minuten zu spät.“

„Was heißt das – getötet? Ich denke, es war ein Herzinfarkt?“

Leo schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, wie sie’s gemacht haben – aber sie haben ihn auf jeden Fall getötet. Praktisch vor meinen Augen. Es waren NSA-Agenten.“

Ciarán hob die Brauen und schwieg.

Betreten sah Leo den Datenträger in seiner Hand an und schüttelte dann abermals den Kopf. „Wir haben nicht viel Zeit damit verschwendet. Jeff ist ein Spezialist für Chosen-Plaintext, nicht für COA. Exhaustion kommt bei dieser Schlüssellänge nicht infrage.“

Ciaráns Blick war noch immer auf die Speicherkarte geheftet. „Also habt ihr nichts?“

„Doch …“, fuhr Leo zögernd fort, „… wir haben was. Jeff ist sich ziemlich sicher, dass es eine Stromchiffre ist, die einen 128-Bit-Schlüssel benutzt. Er hält es für SAVILLE.“

„SAVILLE?“ Ciarán hielt einen Augenblick die Luft an. „Wow.“ Eine knisternde Spannung lag in der Luft.

„Jeff Mason ist ein guter Mann“, sagte Ciarán schließlich leise, wie zu sich selbst. „Ihr könnt verdammt stolz sein, dass ihr einen wie ihn da oben habt …“

Dann wandte er sich seinem Notebook zu und ließ die Karte in den Steckplatz gleiten.