Sneak

Der Kranich

TEIL III: Saoirse!

It’s not possible to understand it, and when you do understand it, then it’s even worse.
— Tom Green

Die Straße ist eine Straße wie tausend andere. Grauer Asphalt, etwas feucht noch vom Regen. Nicht mehr warm und noch nicht kalt an diesem Tag, einem der letzten im Oktober.

Allmählich werden die Schatten der roten Backsteinhäuser, die die grün-weiß-orange bemalten Bordsteine säumen, länger. Es sind gepflegte Ein- und Zweifamilienhäuser, puppenstubenhaft, einzelne Bäume dazwischen, die Vorgärten penibel gepflegt. Ein ruhiger, fast würde man meinen, friedlicher Abend liegt über dem Viertel.

Und doch gibt es etwas, das diesen Eindruck stört. Ein längerer Schatten schiebt sich unübersehbar über diejenigen der Häuser in Lower Falls. Langsam hebt Ciarán den Blick. Noch immer jagt ihm das Gebilde, das unmittelbar hinter den rückwärtigen Ausgängen in den schwarzen Himmel ragt, Schauer über den Rücken. Wellblechplatten über Stahldraht, acht Meter hoch und auf ein paar Kilometer Länge. Er sollte an den Anblick gewöhnt sein, denn er hat noch nie etwas anderes gesehen, seit er in diesem Viertel geboren wurde. Aber kann man sich an den Anblick von Unterdrückung, Terror und Verwüstung gewöhnen? Die Wahrheit ist, dass Krieg herrscht, und das macht den Namen, den man der Trennmauer zum benachbarten Shankill gegeben hat, umso zynischer.

Peace line.

Ciarán ist so in seine Gedanken versunken, dass er die Schritte erst hört, als sie sich unmittelbar hinter ihm befinden. Blitzartig wirbelt er herum, und seine rechte Hand gleitet auf seinen Rücken, wo eine leichte, handliche Glock 17 in seinem Gürtel steckt. Er versucht, das Gleichgewicht zu halten, und starrt atemlos in ein pausbäckiges Gesicht, das halb von kupferroten Locken verdeckt wird.

Beschwichtigend hebt der andere die Hand. „Easy, mo chara. Heb deine Patronen lieber auf, du wirst sie noch brauchen.“

Ciarán lässt die Waffe sinken und sichert sie. „Verdammt noch mal, Sean. Willst du uns beide umbringen?“

„Das hier ist Béal Feirste, mo chara. Man steht nicht mitten auf der Falls Road und träumt. Schon gar nicht heute.“

Er hat recht. Die letzten Sonnenstrahlen sind hinter der Friedenslinie verschwunden.

Sean ist nicht besonders groß und sieht eigentlich viel zu kindlich aus für seine dreizehn Jahre. Ständig hat er Probleme, wenn es darum geht, Alkohol oder Zigaretten zu beschaffen; dem gleichaltrigen Ciarán gibt man locker fünf Jahre mehr.

Der Abend beginnt ruhig. Noch sind keine Schüsse oder Explosionen von Brandbomben zu hören, ja nicht einmal das übliche Klatschen der Farbbeutel, die auf gegnerische Fassaden treffen. Schweigend schlendern die Freunde die Straße entlang; vorbei an düsteren, wütenden murals, auf denen Blut und Tod zu sehen ist.

Dwyers befindet sich in der Cullingtree Road, nahe dem Westlink. Bei Westwind, so wie heute, brandet der Verkehrslärm gleichmäßig herüber. Er wird jedoch sofort vom Fiddelklang aus der Jukebox übertönt, als Sean die schwere Holztür des Pubs öffnet. Zielstrebig passieren die Jungen die Theke, hinter der ein molliges Mädchen mit Sommersprossen hektisch ein Guinness nach dem anderen zapft. Ciarán nickt ihr kurz zu und verschwindet mit Sean im Hinterzimmer.

Die plötzliche Stille nach dem Lärm des überfüllten Kneipenraumes ist fast schockierend. Mit einem flüchtigen Blick werden die Neuankömmlinge von den Anwesenden zur Kenntnis genommen.

Abgesehen von Ciaráns Vater Frank McCallum, der mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt steht, befinden sich vier weitere Männer in dem engen, verrauchten Hinterzimmer, die abwechselnd am einzigen Tisch Platz finden oder unruhig auf und abgehen. Es sind Marian McGillan, Bobby O’Neill, der Pubbesitzer Ian Magee und Seans Vater Patrick Kelly. Ciarán und Sean bleiben bei der Tür stehen.

Die Stille wird unerträglich, und trotz der Milde des Herbstabends beginnt Ciarán plötzlich zu frösteln.

„Wie … wie um alles in der Welt konnte das passieren, Bobby?“ Frank McCallums Stimme ist nur ein heiseres Flüstern.

O’Neill steht auf, umrundet den Tisch und legt Ciaráns Vater die Hände auf die Schultern. „Wir wissen es noch nicht, Frankie. Tommy war erfahren, eigentlich hätte das nicht …“

„Es ist passiert, Bobby!“

„Ja.“

„Sie waren Zivilisten. Alle! Wir wollten, dass es keine zivilen Opfer mehr gibt. Wir waren uns einig …“

Geräuschvoll platziert McGillan sein Glas auf dem Tisch. „Es war ein Unfall, Frankie. Das kann schon mal vorkommen.“

Unwirsch fegt McCallum O’Neill beiseite, ballt die Rechte zur Faust, macht ein paar Schritte und packt den Sprecher mit der Linken am Hemd. „Du hältst gefälligst die Fresse Mare. Dir haben wir doch zu verdanken …“

Bevor er zuschlagen kann geht Ian, ein Hüne von knapp hundertfünfzig Kilo, energisch dazwischen. „Reiß dich zusammen, Frankie. Mare trifft keine Schuld, genauso wenig wie Tommy oder irgendeinen hier im Raum. Wenn du dich prügeln willst, tu es draußen. Aber besser du machst dir ein paar Gedanken über unsere Situation.“

Mit zusammengebissenen Zähnen befreit sich Frank aus dem eisernen Griff des Landlords und nimmt seinen Platz an der rückwärtigen Wand wieder ein.

„Die UFF werden Vergeltung fordern“, meldet sich Seans Vater mit ruhiger, sachlicher Stimme zu Wort. „Blut in Shankill – mehr Blut in Falls.“ Es klingt zynisch, doch wer ihn kennt, weiß, dass es nicht zynisch gemeint ist. „Wie sind wir aufgestellt?“ Die Frage geht an Ciaráns Vater.

„Du meinst nur unsere Sektion? Für den Moment nicht schlecht, Paddy. Fast hundert AK-47 und einige Kleinkaliberpistolen, etwa fünfzig Kilo TNT und Semtex, Zünder, Granaten. Munition für ein paar Wochen.“

„Was heißt das – ein paar Wochen?“

„Ein paar Wochen Krieg.“

Frank McCallums Blick wendet sich den Jungen bei der Tür zu. „Ihr solltet nicht hier sein. Nicht jetzt. Geht nach Hause.“

„Aber …“ versucht Ciarán zu protestieren.

„Er hat recht“, pflichtet Kelly bei. „Ihr seid gute Kämpfer, und Éire ist stolz auf euch. Aber das hier ist nicht für euch. Seid ihr bewaffnet?“

Ciarán nickt.

„Gut. Keine Umwege.“

Obwohl es noch nicht spät ist und alle Tore der peace lines geschlossen wurden, sind die Straßen von Lower Falls an diesem Abend leergefegt. Wer es einrichten kann, bleibt zu Hause. Seite an Seite und ohne ein Wort zu wechseln, gehen Ciarán und Sean die Marchioness Street entlang, dicht an die Häuserfassaden gedrängt, von Zeit zu Zeit über die Schulter hinter sich blickend. Sie biegen in die Servia Street ein, dann Leeson, Richtung Falls Road. Nieselregen setzt ein. Kurz nach der Abzweigung Balkan Road geschieht es.

„Sieh dich nicht um“, flüstert Sean. „Sie sind hinter uns.“

„Verdammt“, erwidert Ciarán leise, „UFF?“

„Ich kann es nicht erkennen. Es ist zu dunkel.“

„Wie viele sind es?“

„Vier oder fünf. Sie tragen Armalites.“

„Haben sie uns gesehen?“

„Darauf kannst du wetten.“

Ciarán atmet ein paar Mal tief durch. „Okay. Jetzt!“ raunt er Sean zu, und sie rennen. Beide sind gut trainiert, das ist eine Überlebensfrage, doch auf kurze Distanzen hält mit Ciarán niemand mit. Keuchend bleibt Sean zurück, im selben Moment zerreißt eine Feuersalve die Stille der Nacht. Sean strauchelt und greift nach dem Zaun, der das weitläufige Grundstück begrenzt, das sich auf der nordöstlichen Straßenseite erstreckt. Manchmal haben sie es schon als Fußballplatz benutzt. Es ist die freieste Fläche in ganz Lower Falls. Die nächsten Häuser befinden sich gut fünfzig Meter weiter in der Ross Road.

Ciarán bleibt stehen und blickt in Seans schmerzverzerrtes Gesicht. Blut rinnt auf Kniehöhe über seine Jeans. Eine weitere Salve folgt, doch die Verfolger sind noch zu weit entfernt, um bei der Dunkelheit gezielt zu schießen. Trotzdem glaubt Ciarán, die Uniformen erkannt zu haben.

„Lauf, Ciarán, verdammt, mach dass du wegkommst!“ schreit Sean und wird erneut vom monotonen Rattern der automatischen Waffen übertönt.

Ciarán greift nach Seans Arm, reißt ihn vom Zaun los und schleift ihn über den nassen Asphalt. Unwirklich, wie eine Luftspiegelung, taucht die Hecke des Eckgebäudes zur Ross Road vor ihm auf. Später wird er sich nicht mehr daran erinnern, wie er es schafft, die Gartenmauer zu erreichen und sich mit Sean dahinter zu werfen.

Die Gewehrsalven sind verstummt.

„Es ist die RUC, Sean“, bringt Ciarán mühsam hervor, als er wieder halbwegs atmen kann. „Bist du okay?“

„Mach endlich, dass du wegkommst, Ciarán. Du kannst es schaffen. Ich beschäftige sie solange.“

„Auf keinen Fall.“ Ciarán zieht die Glock aus dem Gürtel und entsichert sie. Das gedämpfte Geräusch von ledernen Stiefelsohlen nähert sich.

„Verdammt noch mal, Ciarán!“ Seans heisere Stimme wird zum Flehen. „Du weißt, dass du keine Chance hast. Was macht es für einen Sinn, wenn sie uns beide erwischen?“

„Halt den Mund, Sean. Es wird nicht lange dauern, bis sie im Dwyers mitkriegen, was los ist. Wir müssen nur ein paar Minuten durchhalten.“ Wie, um sich selbst von seinen Worten zu überzeugen, richtet Ciarán sich auf und gibt drei ungezielte Schüsse in Richtung der sich nähernden Schritte ab. Er sieht, wie die Schatten in die Sackgasse auf der gegenüberliegenden Straßenseite gleiten. Eine weitere Feuersalve folgt.

„Ich hätte … nicht geglaubt, dass sie so weit gehen würden“, keucht Sean, streift seine Jacke ab und umwickelt sein Knie damit, während Ciarán im milchigen Schein der Straßenbeleuchtung versucht, die Uniformierten auszumachen. Vergeblich. Minutenlang herrscht Stille. Ciarán starrt angespannt durch die Hecke, die Glock im Anschlag. Endlich wendet er sich nach Sean um, der zusammengekauert hinter ihm gegen die Gartenmauer gelehnt sitzt. Für einen Augenblick begegnen sich ihre Blicke. Ciarán setzt an, etwas zu sagen, in diesem Moment weiten sich Seans Augen entsetzt, er schaut an Ciarán vorbei, zum Haus hinüber. Ciarán bleibt keine Zeit, seinem Blick zu folgen. Im Bruchteil der folgenden Sekunde schreit Sean: „Pass auf!“ Ein Schuss peitscht, und Ciaran spürt Seans Körper schwer auf seinem. Warmes Blut strömt über ihn, und er blickt in den Lauf einer Heckler&Koch MP5.

Ciarán spricht ein stilles Gebet. Die Situation kommt nicht überraschend, sie kommt zwangsläufig, tausendmal geprobt, tausendmal im Geist vorweggenommen. Er wartet auf den letzten Schuss, das letzte Geräusch, bevor es dunkel wird. Doch der Schuss fällt nicht. Seans Gewicht droht ihn zu ersticken, er blickt in sein blutüberströmtes Gesicht, das plötzlich vor seinen Augen verschwimmt. Er nimmt ihn nur noch undeutlich wahr, sieht unvermittelt etwas anderes, etwas, das ihn verwirrt, jemanden, der ihn verwirrt, der nicht hierher gehört, den er nicht einordnen kann. Er flüstert seinen Namen, leise erst, dann immer lauter bis seine Stimme zu einem verzweifelten Schrei anschwillt.

„LUKE – NEIN!!!“